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Die Schönheit des Originals
 Radio Slave
Autor: Alexis Waltz  Fotos: Michael Mann / Grooming: Tricia Le Hanne

Produzenten von Clubmusik arbeiten meist an einer ganz bestimmten stilistischen Baustelle. Als einer der wenigen Universalisten der Szene entwickelt Matt Edwards in seinen zahllosen Produktionen und Sets eine eigene Sichtweise auf das vielschichtige Geschehen der elektronischen Musik. Sein Spektrum reicht dabei von den unterschiedlichen Schattierungen von House über Ambient bis Popmusik. Unter dem Pseudonym Radio Slave hat er dem Clubsound der nuller Jahre wie kaum ein anderer Musiker seinen Stempel aufgedrückt. Mit seinem neuen Projekt Machine will Edwards nun den Dancefloor und dessen Beschränkungen hinter sich lassen.

Matt Edwards' Dachgeschoss-Wohnung in Berlin-Kreuzberg weist ihren Bewohner als Liebhaber diverser Facetten von Popkultur aus. Man betritt jedoch kein Archiv oder Museum, sondern eine liebevoll zusammengestellte Sammlung von Spielzeug-Figuren, Grafiken, Zeitschriften, Büchern und Schallplatten. Zu jedem Gegenstand gibt es einen persönlichen Bezug, jedes Fundstück hat seinen besonderen Platz. Edwards begeistert sich für die ikonischen Zeichen und Figuren des Pop, für die Cartooncharaktere von Disney oder das Logo von Strictly Rhythm. Er erklärt: „Ich bin ein großer Konsument. Ich sammle Bücher, Zeitschriften - eigentlich alles. Die Herstellung von Dingen wie Schallplatten oder Spielzeug-Figuren fasziniert mich." So zufrieden der hagere Engländer wirkt, so sehr legt er doch einen bestimmten Ernst, eine gewisse Spannung niemals ab. Die britische Höflichkeit und die präzisen Formulierungen des aufmerksamen, konzentrierten 39-Jährigen können seine Ruhelosigkeit nicht verbergen. Scharfsinnig analysiert Edwards die Veränderungen in der Szene, präzise charakterisiert er sein Handeln darin. Er wirkt nicht verbissen, aber extrem beharrlich. Es ist unvorstellbar, dass er sich mit Kompromissen zufriedengeben könnte. Befriedigung verleiht ihm die gleißende Schönheit gelungener Produktionen. Und doch bleibt immer ein Funken von Unsicherheit und Zweifel, der ihn weitertreibt.

Dass Edwards sich selten Verschnaufpausen gönnt, wird an seinem umfassenden Oeuvre sichtbar. Seine Karriere als Produzent begann er 2001 mit dem Mash-up einer Kylie-Minogue-Nummer. In zahllosen Edits arbeitete er danach die gesamte Popmusik der Zeit für sich auf. Als Rekid stellte er eine neuartige Verbindung zwischen introvertiertem House und düsteren elektronischen Soundtracks her. Mit Joel Martin baute er als Quiet Village komplexe Samplearchitekturen. Mit Rekids hat er zudem eins der einflussreichsten Houselabels der Gegenwart gegründet. Dort entwickelte Edwards einen extrem bezwingenden, hypnotischen Clubsound, für den er bestimmte Londoner Housetraditionen mit einem kontinentalen, technoiden Verständnis von Clubmusik versöhnte. Und in zahllosen Remixen lieferte er zudem seine Interpretation der aktuellen Clubmusik. Man findet kaum ein relevantes Techno- und Houselabel, bei dem Edwards keine Spur hinterlassen hat.

FOLKLORE OHNE VOLK

Mit seinem neuen Projekt Machine richtet sich seine Arbeit jetzt zum ersten Mal gezielt auf Räume jenseits des Clubs. Es besteht aus dem Album Redhead, das auf dem extra gegründetem Label Pyramids Of Mars erscheinen wird, und einem multimedialen Gesamt-Kunstwerk, das in Galerien präsentiert werden soll. Edwards erklärt, welcher Impuls ihn zu dem Projekt bewegt hat: „Wir als elektronische Künstler müssen uns noch viel mehr Mühe geben, die Dinge weiterzutreiben. Die Leute sind faul, sie wiederholen sich immer wieder. Mit Machine wollte ich etwas ganz Neues ausprobieren." Seit fünf Jahren tritt er auf der ganzen Welt auf. Durch die Reisen ist - wen überrascht es - eine Sammlung obskurer Schallplatten zusammengekommen: „Diese Einflüsse habe ich auf mich wirken lassen. Ich hasse den Begriff ‚Weltmusik’. Machine bewegt sich auf diesem Feld, aber ohne konkrete Bezugspunkte herzustellen. Der erste Track ist eine Reise, von dort, wo man sich befindet, an einen anderen, unbekannten Ort. Ich hoffe, das klingt nicht zu esoterisch." So wird man in diesem ersten Stück des Albums von einer Meeresbrandung fortgetragen, der Mast eines Segelschiffs knackt, eine Bassdrum pulsiert meditativ. Gestalt nahm das Projekt einst mit dem zweiten Track an: „Opening Ceremony" mischt einen europäischen Kirchenchor mit folkloristischen Liedern. Durch diesen Clash wird die Herkunft der Gesänge, ihre rituelle Funktion bedeutungslos. Der geradlinige Groove stellt sie auf ein neutrales Plateau. So entwickeln sie ein anderes, ein modernes Pathos. Edwards: „Ich habe dieses erste Stück damals Ricardo Villalobos gegeben, und der hat es geliebt. Da habe ich erstmals gedacht: Ich kann tatsächlich ein Album in diesem Stil produzieren. Leider machen die vielen Auftritte es schwer, konzentriert im Studio zu arbeiten. Das ärgert mich. Ich würde gern mehr Zeit hier verbringen, aber das ist leider unmöglich - schließlich lebe ich von den Auftritten, nicht von meinen Produktionen."

Die für Machine wesentliche Auseinandersetzung mit der polyrhythmischen Musik auf Klaus Schulzes Label Innovative Communication ist auf Edwards' Resident-Advisor-Podcast vom Ende des vergangenen Jahres wunderbar nachzuvollziehen. Ebenso spürbar ist der Einfluss der Musik von Peter Gabriel. Um auf Distanz zur Clubmusik zu gehen, hat Edwards eine einfache Methode entwickelt: „Ich habe versucht, mich von den präsenten Kickdrums fernzuhalten. So entsteht viel mehr Raum. Ich kämpfe da mit mir selbst: Ich liebe immer noch Housemusic, gleichzeitig will ich woanders hin. Das ist nicht einfach, schließlich habe ich keine musikalische Ausbildung."

Viele DJs und Produzenten träumen von einem Standbein jenseits des kräftezehrenden Nachtlebens, in dem die Musik immer funktionieren muss. Ein solches Betätigungsfeld wird im besten Fall aus Machine entstehen. Das Projekt ist auch als Ausstellung konzipiert, die im Herbst in Paris und Berlin stattfinden soll. Gerade werden Gespräche mit Colette in Paris und mit Nike in Berlin geführt. Edwards erklärt: „Machine passt nicht in die Clubs. Das Album unseres Ambientprojekts Quiet Village hat auch schon nicht im Club funktioniert. Wenn wir damit aufgetreten sind, waren sogar Leute enttäuscht, die eigentlich genau wussten, was sie erwarten würde." Machine soll dabei nicht in elitären Kunstgalerien stattfinden, sondern an der Schnittstelle zwischen Mode, Design und Musik. Das Projekt zielt also auf Orte, an denen eher ein Banksy präsentiert wird als ein Neo Rauch.

...den vollständigen Artikel findet ihr in der aktuellen Ausgabe!



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