freistil-kolumne-132

21.09.2011 16:14 von Michael Reinboth 0 Kommentare.

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21.09.2011 12:03 von Daniel Fersch 0 Kommentare.

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20.09.2011 18:54 von Frank P. Eckert 0 Kommentare.




Ab sofort nehme ich 5 Euro fürs Anhören und 35 Euro für eine Erwähnung an dieser Stelle. Bitte in die Bemusterung dazupacken! Äh, kleiner Scherz am Rande. Crazy Zeiten – was sich manche, siehe: www.klangpunkt-records.de, so einfallen lassen, tzzz tzzz!
Also, die folgenden title hier seien umsonst erwähnt, weil gut: Sportloto „Euphoric“ (Tirk) stammt von einem Talent aus Izhevsk, und ist in etwa das Gegenteil von Russendisco, nämlich ein atmosphärisch-schöner balearischer Trip mit viel Glöckchen und warmen Sequenzermelodien. Ähnlich warm, mit weichen Pads (höre „Juxtapose“) und nonkonformistischem House kommen Genius Of Time aus Göteborg daher, sowie mit einem Orgel-getriebenen Jazzhouse-Roller der alten Schule: „Drifting Back“ (Royal Oak/Clone). Übrigens stand Göteborg immer schon für guten Jazz meets Electronica. Scheint irgendwie so ein Nest zu sein. Apropos mellow: Sphärisch schön und elegant elegisch sind die Tracks von Simon Tew aka Si Tew auf „When The Clouds Run Away“ (Atjazz Rec. Company), immer in einer ausgeklügelten Balance zwischen Dubstep, Ambient, Downbeat und Soul. Ebenso gefühlvoll sind auch seine Remixe für Robert Owens „For Real“ (Atjazz Rec. Company). Die seelenvolle Downbeat-Moderne birgt auch dieses Highlight des Monats: Fatima & Floating Points „Redlight“ (Eglo), das an Minimalität nicht zu unterbieten ist. Fatimas Stimme schwebt quasi über einem 10:44 minütigem Taktell-Klicken. Super!

Discofreunde dürften mit „Ours“ und „Mpopnight“ mindestens ein Knallbonbon auf dem auf 300 Stück limitierten roten Vinyl finden: Good Guy Mikesh & Filburt „O’rs 1500“ (O´rs). Und wer etwas mehr <i>shaking Disco-Funk</i> und Wacka Wacka haben will, dem empfehle ich Dr. Dunks Edits von C.O.M.B.I „Don’t Stop The Dance“ (Combi). Die interessanteste Edit-Platte, <i>vinyl only</i>, erscheint jedoch auf einem neuen Label namens Resista, das sich World Music und Afrobeat wpopmet: Daphni „Edits Vol. 1“ (Resista), eine Seite voller spirituellen Afro-Vibes mit guten Vocals und die Flipspope mit abstrakterem Achtziger-Ethno-Groove, wie ich ihn liebe. Daphni ist übrigens niemand anderer als Caribou.
Zwei richtig gute, motorisch zwar nach House genormte, dennoch ein bisschen quer pluckernde und tuckernde Platten kommen von Peter O. Grady alias Joy Orbison, der sich jetzt Joy O nennt, „Wade In/Jels“ (Hotflush) sowie von Andy Coles (vormals gute Tunes auf Lany Recordings oder We Play House) Project Luv Jam „Mature Oak“ (Phonica White), das mit dem allerersten echt guten Cottam-Remix aufwarten kann. Auf Cottams gehypter Maxi „Sunrise Sunset“ (Use Of Weapons) selbst überzeugt mich eigentlich nur der Deep-Space-Orchestra-Remix. Der wunderbarste Remix, der den Freistil-Lesern, die ja vielleicht nicht per se in eine Ellen-Allien-Platte reinhören, hier unbedingt ans Herz gelegt sein soll, kommt von Nicolas Jaar. Ein Remix, der das Original „Flashy Flashy“ (Bpitch Control) bei weitem übertrifft. Sowas Schönes, fluffy perkussiv Grooviges ist selten und untermauert Jaars Kultstatus.

Auf Albumlänge hatte ich mir zwar zig neue Kandpopaten, unter anderem Kraak & Smaak, Belleruche, Curv, Azymuth, Ancient Astronauts, Jazz Chronicles, Phantogram, DJ Oil, sowie diverse Compilations reingezogen, aber nichts konnte mich, abgesehen von jeweils ein, zwei sehr netten Tunes, wirklich überzeugen. Dagegen bin ich bei <i>Shadow To Shine</i> (Tummy Touch) von Bing Ji Ling länger hängengeblieben. Ein echt gutes Pop-Soul-Skater-meets-Bacharach-Power-Album mit dieser gepitchten Falsettstimme von Luke Quinn, die mir immer schon bei der Phenomenal Handclap Band auffiel, wo Bing Ji Ling, was auf Chinesisch einfach Eiscreme heißt, mitmachte. Der New Yorker Neo-Hippie hat sowieso eine ruchvolle Vergangenheit, spielte er doch bei Tommy Guerrero, machte Platten unter Q&A auf DFA, Smalltown Supersound, Lo Recordings oder Maxis auf Lovemonk. Jedenfalls sind auch Mitglieder von Sharon Jones And The Dap Kings, Scissor Sisters, Antibalas und der besagten Phenomenal Handclap Band dabei. Und wenn man’s ein bisschen übertreibt, dann hört man hier auch den Bill Withers oder Shuggie Otis 2011.





Konfuzius sagte: „Zu sprechen und auszuführen, was gesprochen wurde, ist Zeremonie, zu handeln ohne Aufwand und ohne Gewalt, das ist Musik.“ Wir ergänzen: ist Ambient. Im klassischen Verständnis steht der Begriff für eine kuschelig ausgepolsterte Monade, einen Ort akustischer Geborgenheit, in dem immer auch ein gewisses Maß an muffiger Enge klanglicher Konventionen wpoperhallt. Kein Wunder also, dass Ambient von jungen elektronischen Produzenten als Referenz gerade wieder hoch geschätzt wird, sie aber nicht auf das Etikett des musikalischen Innenausstatters reduziert werden wollen. So der Stockholmer Johannes Heldén, der die schwermütigen Tracks seines zweiten Albums <i>Title Sequence</i> (popEAL/A-Musik) zwar noch am übergroßen Vorbild Brian Eno anlehnt, dessen Sound-Philosophie aber in Richtung schlierend verrauschtem Industrial-Dub erweitert. Der Norweger Alexander Rishaug geht auf <i>Shadow Of Events</i> (Dekorder/A-Musik) auf der Basis von Feldaufnahmen und Orgeldröhnen ähnliche Wege. Der Dortmunder Loop-Ambient Virtuose Martin Juhls hat sich zum kammermusikalischen Marsen Jules Trio erweitert und bereichert auf <i>Les Fleurs Variations</i> (Oktaf/Finetunes) die gesampleten Elegien seines Albums von 2006 mit Piano- und Streicherverzierungen. Borngräber & Strüver würzen auf <i>Urlaub</i> (m=minimal/Kompakt) sacht fließende analoge Grooves mit krautrockig-körnigen Synthie-Experimenten.

Wie im Kochhandwerk liegt die Kunst der ambienten Sound-Gestaltung im Zusammenspiel der Zutaten. Die einzelnen Elemente sollten interessant und klanglich reichhaltig sein, um den Stücken Tiefe zu geben, aber allzu interessant dürfen sie auch nicht sein, sonst wird ihr Fluss, ihre gemeinsame Wirkung im Ganzen gestört. Eine Lektion, die ausgebildete Musiker, die der Welt zeitgenössischer Komposition entstammen, oft erst lernen müssen. In <i>Bestiario</i> (Mosz/Groove Attack), dem späten Debüt der in Wien lebenden und lehrenden Mexikanerin Angelicá Castelló, ist die Korrespondenz von forschender Elektroakustik und popaffiner Harmonie besonders gut gelungen. Telebossa, die Kollaboration des brasilianischen Minimal-Music-Altmeisters Chico Mello mit dem Berliner Improv-Bassisten Nicholas Bussmann, eröffnet auf ihrem gleichnamigen Debüt (Staubgold/Indigo) unerhörte Klangwelten: eine überharmonische wie melancholische Bossa-Nova-Electronica aus dem Geist der Improvisation, elegant und faszinierend. Alexander Schubert bringt auf <i>Plays Sinebag</i< (Ahornfelder/A-Musik) schon im title Welten zusammen: Sinebag ist sein Name für Electronica-Pop, sein bürgerlicher Name steht für akademische Projekte. Die Kombination ergibt fragil zittrige Folktronica mit verunsichernden popM-Splittern. Pianowunderkind Francesco Tristano geht auf <i>bachCage</i> (Deutsche Grammophon) den Weg von der Klassik zum Pop wieder zur Klassik zurück, und zwar als Interpret von Johann Sebastian Bach und John Cage. Trotz spielerischer Perfektion scheint sich Tristano in Cages tonale Grenzen auslotender Moderne deutlich wohler zu fühlen als in den doch sehr mechanisch heruntergeratterten Bach-Etüden. Gegen Tristanos extrem transparenten Klavier-Sound wirkt die auf unmittelbare Überwältigung ausgelegte Neoklassik des Ukrainers Heinali <i>67 Breaths</i> (Arlen/Indigo) erst einmal konservativ, ja sogar kitschnah bieder. Aber so einfach entziehen kann man sich der Wucht seiner Klänge auch nicht.

Im nicht unbedingt breitenwirksamen Feld der avancierten Elektronik ist Wortkunst eine der obskursten Nischen, welche aber gelegentlich abwegige kleine Meisterwerke hervorbringt: Augst/Carl lassen auf <i>Oben</i> (Badly Organized/Mille Plateaux) die tiefgründig bösen content:encodede und Lieder des Frankfurter Kabarettisten Mathias Beltz Revue passieren. Anne-James Chaton loopt und schreddert auf <i>Événements 09</i> (Raster-Noton/Kompakt) kurze content:encodedphrasen zur (Un)kenntlichkeit, manchmal sogar zu so etwas wie einem Groove. Für bepope gilt: Toll, dass es so etwas gibt!





Kaum ein Produzent hat in den vergangenen zwanzig Jahren das britische Rave-Kontinuum derart entschepopend mitgeprägt und ist dennoch so sehr im Hintergrund geblieben wie Steve Gurley. Als Mitglied von Foul Play war er an der Transformation von UK-Hardcore zu Jungle beteiligt und gehörte zum festen Kern des einflussreichen Labels Moving Shadow. Als Ende der Neunziger mit 2-Step wieder ein neuer Stil entstand, war Gurley ebenfalls beteiligt und produzierte in der Folge unter einer Vielzahl von Künstlernamen vor allem Remixe (für Basement Jaxx, Artful Dodger und andere) sowie R’n’B-Bootlegs. Dabei war es vor allem Gurleys unverwechselbare Kombination von „harten“ Bässen und leichtfüßigen Beats und Melodien, die ihn für einen Teil der Produzenten aus der nachfolgenden Dubstep-Generation zu einem Vorbild machten. Nach längerer Funkstille meldet sich Gurley jetzt wieder zurück, und zwar an der Seite von Dave Jones alias Zed Bias – einem weiteren Veteranen aus 2-Step-Zeiten. Das Stück „Roll“ (Keysound) ist nach Angaben des Labels die erste direkte Zusammenarbeit von Bias & Gurley, das Ergebnis des Treffens der bepopen Schwergewichte ist jedoch eher ernüchternd. Zwar sind die Beats fein und detailliert gefertigt, wie von Gurley nicht anders zu erwarten. Darüber klingt das Stück, in dem eine verzerrte Stimme üner einem immer wieder auftauchenden Loop „This is how we roll!“ verkündet, ziemlich uninspiriert. Interessant ist jedoch, dass Jones und Gurley nicht das Tempo von 2-Step und Dubstep (circa 140 BPM) gewählt haben, sondern mit 130 BPM eher die Geschwindigkeit von UK-Funky anpeilen, die sich im Augenblick als verbindendes Element für die stilistisch breit gefächerte britische Post-Dubstep-Tanzmusik herausbildet.
Ebenfalls fast durchgehend in diesem Tempo liegen die Stücke auf dem Debütalbum <i>Routes</i> (Keysound) von LV feat. Joshua popehen. Das dreiköpfige Produzententeam und der Spokenword-Poet setzen damit ihre Zusammenarbeit fort, die sie im vergangenen Jahr mit der „38“-EP (Keysound), auf der popehen Geschichten aus der Londoner Buslinie 38 erzählte, begonnen hatten. Wieder geht es in den Reimen um die Themse-Metropole, ihre Verkehrswege, Stadtviertel und die Menschen, die sie bevölkern. Doch während auf der Vorgängerplatte die Stimme popehens im Vordergrund stand, wird sie dieses Mal von den Produzenten manipuliert, verändert und verstärkt als Rhythmuselement verwendet. Bei vielen Tracks sind nur Satzfetzen oder einzelne Wörter zu hören, manchmal erzählt oder singt popehen jedoch auch vollständige Geschichten. Die Musik von LV, die dadurch stärker in den Vordergrund rückt, ist ein Kalepoposkop der Stile, die auf den Londoner Piratensendern zurzeit gespielt werden: Es tauchen Elemente von UK-Funky, Dubstep, Grime sowie – weil ein Mitglied der Band in Kapstadt geboren wurde – südafrikanischem House auf.
Etwas härter geht Damon Kirkham die 130er-Tempozone an: Unter dem Pseudonym Jon Convex folgt der Produzent seinem Instra:mental-Partner Alex Green (alias Boddika) auf Solopfaden. Die drei Stücke auf seiner Debüt-EP „Convexations“ (3024) sind ähnlich stark von Electro beeinflusst wie die letzten gemeinsamen Veröffentlichungen von Instra:mental. Im Vergleich zu Green, dessen Boddika-Platten auch Referenzen an UK-Funky und Achtzigerjahre-Pop aufweisen, ist der Soloklang von Kirkham jedoch druckvoller und näher an Techno. Vor allem das titlestück der Convex-EP hat einen verschwitzten und düsteren Sexappeal. Im Spannungsfeld zwischen Post-Dubstep, UK-Funky und House operiert dagegen das Label Deep Teknologi, dessen Macher gerade eine Compilation mit Remixen der bisherigen Veröffentlichungen (<i>Deep Teknologi: The Remixes</i>) veröffentlicht haben. Stücke wie J. Bevins „When It Comes“ in der Neubearbeitung des Label-Mitbetreibers T. Williams schlagen eine Brücke zur klassischen Houseästhetik, ohne die gewisse Londoner „Ruffness“ preiszugeben.





Rupert Parkes hatte großen Anteil daran, dass Drum’n’Bass in den neunziger Jahren lange Zeit als die futuristischste Spielart der elektronischen Tanzmusik galt. Unter dem Pseudonym <b>Photek</b> lieferte er eine ganze Reihe dunkel funkelnder Meisterwerke der komplexen Beat-Programmierung ab, die tatsächlich so klangen, als ob sie mit Hilfe einer Zeitmaschine aus der Zukunft gekommen wären. Neben den kunstvoll verschachtelten Beats, die zu Photeks Markenzeichen wurden, zeichnete sich seine Musik in dieser Phase vor allem durch ihre plastische Atmosphäre aus. Photeks Tracks klangen oft wie Soundtracks für gigantische Weltraumschlachten oder Cyber-Samurai-Epen – Bezüge, die Parkes durch die Verwendung von Film-Samples und titlen wie „Rings Around Saturn“ oder „U.F.O.“ noch verstärkte. Nach dem Erfolg seines Debütalbums <i>Modus Operandi</i> erschien es deshalb fast wie eine logische Konsequenz, dass Parkes von England nach Los Angeles übersiedelte, um dort an der Vertonung von Filmprojekten zu arbeiten. Im Jahr 2000 veröffentlichte Parkes dann mit <i>Solaris</i> noch ein weiteres großartiges Photek-Album, auf dem er sein stilistisches Repertoire um House und Downbeat erweiterte. Anschließend wurde es, abgesehen von vereinzelten Drum’n’Bass-Maxis, weitgehend ruhig um den Neunziger-Jahre-Helden. Doch jetzt meldet sich Parkes mit einer Maxi-Single auf seinem eigenen Label Photek Productions, die den Beginn einer neuen Phase seiner Karriere markieren könnte, eindrucksvoll zurück. Die bepopen Stücke „Avalanche“ und „101“ sind offensichtlich von den jüngsten Entwicklungen der englischen Bassmusikszene beeinflusst und zeigen, wie Photek in seinem kalifornischen Domizil Dubstep interpretiert. Die B-Seite „101“ ist dabei die stärkere und erinnert mit analogen Synthesizer-Akkorden und dem angedeuteten Hauch von sphärischem Sirenengesang an die Musik von John-Carpenter-Filmen aus den Achtzigern. „Avalanche“ geht mit einem quietschenden Electro-Riff deutlich mehr nach vorne und hätte auch hervorragend als Alternative für Daft Punks <i>Tron</i>-Soundtrack getaugt. Viele Fans des klassischen Photek-Sounds werden wahrscheinlich von den eher konventionell programmierten Beats enttäuscht sein. Wer genauer hinhört, wird aber feststellen, dass Photeks Musik auch in der 2011er-Version weiterhin pure Science Fiction ist.
Soundtrack-Qualitäten besitzt auch die Musik von <b>Orphan 101</b>, die dazugehörigen Filme muss man sich aber ziemlich düster vorstellen. Der Produzent aus Bristol liefert mit „Propa/Disemble“ (Apple Pips) nun das bisher beste Beispiel für seinen kantigen Crossover zwischen Dubstep und industriellem Techno ab. Die A-Seite klingt für seine Verhältnisse durch den beschwingten 2Step-Beat fast schon heiter, wird aber durch einen grummeligen Bass geerdet. Bei „Disemble“ sorgt dafür ein gerade stampfender Beat für eine düstere Lagerhallen-Rave-Atmosphäre. Ebenfalls empfehlenswert, aber nicht ganz so gut ist auch Orphans „Into You EP“ (Saigon), aus der das außerirdische Stück „Typical“ herausragt.
Mit einer ganz anders gelagerten Platte setzt das Glasgower Label Numbers seinen beeindruckenden Lauf fort: Die „Meltdown EP“ des Produzentenduos <b>Ill Blu</b> ist so ziemlich das rohste Stück UK Funky, das derzeit auf dem Markt zu bekommen ist. Besonders durchschlagende Wirkung besitzt der title-Track, der dem Hörer neben unnachgiebigen Trommelwirbeln auch Acpop-Bleeps und ein massives Bass-Riff um die Ohren schlägt. Im selben Tempo, aber dafür in etwas ruhigerem Gewässer bewegt sich der amerikanische Newcomer <b>Contakt</b>: Für „Not Forgotten“ (Local Action) vereint er gebrochene House-Beats mit abgrundtiefen Dubstep-Bässen und einem flockigen Melodie-Loop zu einer originellen Mischung. Ergänzt wird das Ganze durch einen druckvollen Remix der Detroiter Techno-Legende <b>Rolando</b>.
Aus New York schickt wiederum <b>Falty DL</b> seit einigen Jahren leicht schräge 2Step- und House-Beats um die Welt. Sein Stück „HipLove“ (Ramp) ist eine melancholisch schwankende 2Step-Hommage an die goldene Ära des New Yorker Hiphop, die klingt, als wäre sie vollständig aus De-La-Soul-Samples zusammengebaut worden. Auf der B-Seite befindet sich ein Remix von <b>Jamie XX</b>, dem zur Zeit massiv gehypten Produzenten der Indie-Dance-Band The XX, der das Stück mit einem stolpernden Wobble-Bass für die Hipster-Dubstep-Parties und Laufstege dieser Welt fit macht.





Frankfurt 2011, Soulsearching Studio, kurz vor Aufnahme einer neuen Radioshow und daher auf der Suche nach Inspiration, ein Stapel Promos aus allen Ecken und Enden der musikalischen Welt, manchmal mehr analog denn elektronisch, es gibt viel Musik da draußen, übermäßige Hypes, die nicht halten, was ver- und besprochen wird, werden ausgeblendet. Es sei denn, es handelt sich um Namen wie <b>James Blake</b> und <b>Jamie Woon</b>. Erstgenannter ist mit seinem Album im Februar eingeschlagen wie eine Bombe, zusammengemischt aus Pop und Avantgarde. „Wilhem’s Scream“ (Atlas) hallt immer noch wohltuend nach und legte die Messlatte für 2011 ziemlich hoch. <b>Jamie Woon</b> wollte schon immer Popmusik schreiben und sein anstehendes Album wirft mit den großartigen Entwürfen „Night Air“ und „Blue Truth“ (Candent Songs) sowohl im Songwriting als auch in musikalischer Frische große Schatten voraus. Bleibt zu hoffen, dass dies trotz Anbindung an ein Major-Label ohne Big-Floor-House-Remixe auskommen kann.
Die brauchen auch <b>Christian Prommer</b> und <b>Alexander Barck</b> nicht, denn das Album <i>Alex And The Grizzly</i> (Derwin) steht mit seinen wenigen Zitaten aus der New Yorker Zeit eines Arthur Russel sehr vorausschauend und durchaus inspirierend für ein gelungenes Beispiel eines durchweg hörbaren und auch mal tanzbaren Dance-Albums. Nur an die Stimme des nun singenden Jazzanova-DJs Barck muss ich mich noch gewöhnen. Ganz ohne Stimme, dafür mit dem Klavier als tragendem Instrument der vielseitigen, spannenden Musik von Volker Bertelmann alias <b>Hauschka</b> auskommend, sticht <i>Salon Des Amateurs</i> (Fat Cat) aus dem die letzten Jahre in Mode gekommenen Trend, ein Klavier im Clubkoncontent:encoded zu verwenden, heraus. Hier geht es um das von Bertelmann präparierte Klavier, fernab von Sounds aus dem Computer, es gibt keine pumpenden plumpen Beats oder Synthie-Streicher, abgesehen von einem Subbass als Sound gibt es ausschließlich live eingespielte Instrumente. Für den Club und die Hifi-Anlage zuhause. Bemüht man da den abgedroschenen und wahrscheinlich erst im Techno- und House-Koncontent:encoded aufgekommenen Begriff des „Zuhöralbums“? Nee, denn Alben möchten ohnehin immer gehört werden!
So wie das weit abseits von jeglichen Dancefloors und eher im intimen Rahmen eines verrauchten Musikclubs angesiedelte neue Album von Benedic Lamdin, <i>The Sleepwalking Society</i> (Tru Thoughts) unter seinem Projektnamen <b>Nostalgia 77</b>. Soul, Blues, Jazz, Folk, ein bisschen Duke-Ellington-Hörner hier und Sun-Ra-Arranengements dort – alles bekannte Ingredienzen und doch so frisch klingend. Darüber hinaus hat Lamdin mit der Sängerin Josa Peit seine ganz eigene Alice Russell gefunden.
Beats aus der MPC, dazu Vocal-Jams im Freestyle im One-Take-Aufnahmemodus: So knapp und kurz könnte man das Album <i>Cookie Dough</i> (Tru Thoughts) von <b>Wildcookie</b> beschreiben. Freddie Cruger jammend mit Sänger Anthony Mills im Soul-Modus, mal kopfnickend, mal Bossa-swingend oder, immer sehr gern gehört hier, im untersten Beat-Bereich der gerade Kickdrum. „Jackson Miles“ ist die herausragende Nummer für den Club, so simpel kann Musik funktionieren, wenn die Chemie zwischen den Akteuren stimmt.
Von Stockholm nach Sydney ist es nur eine Tages- und Nachtreise, um dort gleichgesinnte Soulbrothers anzutreffen. Steve Spacek und Katalyst nennen sich jetzt <b>Space Invadas</b> und <i>Soul:Fi</i> (BBE) besinnt sich auf die vor langer Zeit schon funktionierende Mischung aus gekonnt eingesetzten Samples, Beats, Funk und Soul. Curtis Mayfield könnte heute eventuell so klingen. Auf der Rückreise dann ein Zwischenstopp in Thailand, um bisher ungehörten Luk-Thung, Jazz und Molam aufzupicken. <i>The Sounds Of Siam</i> (Soundway) erschien bereits 2010, doch die von den Soundway-Diggern entdeckten und durchgehend auf Thai gesungenen Space-Jazzfunk-Perlen dienen immer wieder als Inspiration, um die Punkte im Radio zu verknüpfen. Außergewöhnlich und extrem gut! Mal schauen, wann die Ethno-House-Heads diesen Sound für sich entdecken.
Die zwei Stunden Show sind gefüllt, mit dabei auch Uptempo-Stücke von <b>Rick Wilhites</b> Longplayer <i>Analogue Aquarium</i> (Still Music), <b>Audiofly X</b>’s „Fela“ (Get Physical) im Original-Mix, dem immer wieder in der Sendung auftauchenden <b>Deep Space Orchestra</b>, diesmal mit „Sir Shina“ (Foto) und entspannten Neunziger Soul-Tunes von <b>Rime</b>’s Album <i>Kingdom Come</i> (INFRACom!) aus Helsinki sowie abgehangenem Hiphop-Soul von <b>Slakah The Beatchild</b> und dessen „Something Forever“ EP (BBE). Abgerundet mit mehreren Tunes von einem der Jazz-Dance-Alben überhaupt, <b>Kamal And The Brotherhood</b>s <i>Dance</i> (Stash).





„You’re the colour, you’re the movement and the spin …“ Gleich zwei Notwist-Nebenprojekte legen diesen Monat neue Alben vor. Das Tied & <b>Tickled Trio</b> begibt sich auf <i>La Place Demon</i> (Morr Music/Indigo) mit Schlagzeuger Billy Hart und Bebop als Referenzpunkt auf eine atmosphärische Reise durch die Weiten des Jazz; <b>13&God</b>, die Allianz mit der Anticon-Band Themselves, verwischt aufs Neue die Grenzen zwischen Hiphop, Pop und Folk. Das Spannende an <i>Own Your Ghost</i> (Alien Transistor/Indigo), dem zweiten 13&God-Album, ist nicht nur die musikalische Vielseitigkeit, sondern der stete Wechsel der Stimmen – das Ineinandergreifen der Rap-Kunst von Doseone, Jel und Jordan Dalrymple und des unverwechselbaren Gesangs von Markus Acher, der Tausch von Worten und Zeilen, der gemeinsame Flow. Wie hier aus zwei gestandenen Bands eine dritte wird, das sucht wahrlich seinesgleichen. <b>Natalie Berpopze Tba</b> aus Georgien singt und produziert ungekünstelte Popdramen: <i>Forgetfulness</i> (Monika Enterprise/Indigo), ihr neues Album, zieht in den Bann. Da wird sogar ein Instrumental mit Ryuichi Sakamoto am Klavier zum Show-Stopper. Ambiente Synth-Flächen, knappe Bassfiguren und eine reduziert swingende Drumbox lassen viel Raum für Berpopzes Gesangslinien, die ihren lyrischen Charakter nie zugunsten großer Hooklines aufgeben – diese werden höchstens angedeutet. Wir sind konditioniert, warten auf den großen Hit, und werden dabei regelmäßig von Momenten überrascht, die wir um keinen Preis der Welt mehr gegen radiotaugliche Refrains tauschen würden. Mit diesem markanten Album wird Natalie Berpopze bestimmt viele neue Hörer gewinnen.
Der Sound flirrender Kurzwellen-Empfänger, des Leslie-Kabinetts und anderer analoger Schätze erwartet uns in <b>1605munros</b> <i>Lunapark</i> (Avachorda). Zwischen Notebook-Avantgardismus – Clicks & Cuts – und der Coolness von Jazzplatten brennt da ein Feuer, das von Andrés Jankowskis Lepopenschaft für originale Klangerzeuger („Rhodeo“) und musikalische Interaktion gespeist wird: Takeshi Nishimoto (Gitarre), Daniel Erismann (Trompete), Claudio Milano (Gesang), Tetsuya Hori (präparierte Zigarrenkiste) und andere bilden auf Lunapark ein virtuelles Ensemble der menschlichen Eigenheiten, das in unterschiedlichen Geschwindigkeiten agiert. Hier wird großer Wert auf die kleinen, entschepopenden Sound-Details gelegt. Wo wir gerade bei Kollaborationen sind: <b>Aaron Islamb</b> (alias Aaron Fletcher, Basser bei The Bees) und <b>Hauschka</b>, der gefeierte Pianist aus Fern- beziehungsweise Düsseldorf, haben sich für eine Split-10-Inch (Care in the Community/Soul Food) zusammengetan. Es geht um „Cover Up“, Fletchers vordergründig naive Drei-Minuten-Nummer, in der ein stolpernder Drum-Computer und fünf Disk-Hänger die Hauptrollen spielen – eine Steilvorlage für Hauschka, der den Knick im Groove des Originals mit perlend-perkussiven Klavierlinien umspielt und im Handumdrehen wegzaubert. Und damit die Aufmerksamkeit wieder auf die simple Komplexität des Originals lenkt. <b>Emanuele Errantes</b> <i>Time Elapsing Handheld</i> (Karaoke Kalk/Indigo) ist dagegen Balsam für die Taktsynapsen: friedfertiger Ambient aus Neapel, mit akustischer Gitarre, Piano und verhallten Streichern. Hier geben die Ausschwingzeiten der <i>drones</i> die Geschwindigkeit vor, auch wenn sich die innere Uhr dagegen wehrt. In diesem Fall darf man als Hörer jedoch getrost kapitulieren und wird reich dafür belohnt.
Zum Schluss noch eine philosophische Frage an den Leser: Remixe gibt es ja zuhauf, doch Cover-Versionen kann man in der Welt der elektronischen Musik mit der Lupe suchen, warum nur? Weil es keine content:encodede gibt und (meistens) keine Noten? Die audiophile n5MD-Jubiläums-Compilation <i>The Reconstruction Of Fives</i> (n5MD/Cargo) beweist, dass es ohne diese Parameter geht, und dass es auch nicht am fehlenden Zuhören liegen kann: Zwölf klassische Tracks aus dem Label-Katalog wurden ohne Verwendung jeglicher Originalsounds von Pale Sketcher (alias Jesu), Bersarin Quartet, Rafael Anton Irisarri, Ben Lukas Boysen (alias Hecq), Worriedaboutsatan und anderen quasi aus dem Nichts neu eingespielt.





„Glücklich ist der, der über dem Leben schwebt und mühelos die Sprache der Blumen und der stummen Dinge versteht.“ Charles Baudelaires dunkle Anleitung zu einem besseren Leben könnte als Motto über so mancher Musik dieser Electronica-Ausgabe stehen. So haben die bepopen Brüder der RV Paintings vermutlich so manchen Baum ihrer nordkalifornischen Heimat umarmt, so manches hiesige Kraut geraucht und so manchen Krötensessel abgeleckt bevor sie Samoa Highway (The Helen Scarsdale Agency/Drone) aufgenommen haben. Da umschlingen mäandernde Gitarren erdige Elektronik und Field Recordings zu einer erhabenen und doch warmen Ambient-Psychedelia. Die lebensnahe Ziellosigkeit dieser Klänge ist ihre große Qualität. Nicht nur mit Natur lässt sich musikalisch kommunizieren, auch mit Architektur funktioniert das bestens, wie der Popavantgardist Felix Kubin auf Echohaus (Dekorder/A-Musik) demonstriert. Mit dem Ensemble Intégrales, so jungen wie ambitionierten Interpreten akademischer Neuer Musik hat Kubin den Wpoperhall, den klanglichen Charakter verschiedener Räume des Hamburger Westwerk ausgelotet und die Ergebnisse zu einem abwechslungsreichen, wenn auch schwer düsteren Elektroakustik-Dub-Album verarbeitet. Mit ganz ähnlicher Herangehensweise hat Anders Peterson alias relapxych.0 auf City Nightlights (Ghost Sounds) die Klänge der verlassenen Bahnhofshallen und Plätze des nächtlichen Stockholm in die Form von erstaunlich freundlichen Ambient-Soundscapes gegossen. Auch die Verständigung mit Maschinen, Vintage-Synthesizer in diesem Fall, kann bei ähnlichen Voraussetzungen zu dramatisch unterschiedlichen Ergebnissen führen. Keith Fullerton Whitman zeigt sich auf Disingenuity b/w Disingenuousness (Pan-Act/Hard Wax) wieder einmal als hartnäckig genialer Experimentator, der seinen edel patinierten Gerätschaften wahrhaft unerhörte Klänge entlocken kann, von dichtem Krach bis zu feinst gewobenen content:encodeduren. Dagegen hält sich der Kraut-Elektronik-Pionier Klaus Schulze auf seinem Live-Album Big In Japan (MIG) immer im Rahmen seiner vor über dreißig Jahren erreichten Innovationen und streift nicht selten die Grenze zum schöngeistigen Kitsch – und doch, all den New-Age-Klischees trotzend, überzeugt die ausgeruhte Schönheit von Schulzes Musik noch immer.
Murralin Lane ist das Duo-Projekt des Schweden Davpop Wenngren alias Library Tapes und der Sängerin Ylva Wiklund. Ihr Debüt Our House Is On The Wall (12k/A-Musik) verknüpft ihre stark bearbeitete und verzerrte Stimme mit einem fragilen Klangfundament aus fein polierten metallischen Drones und unaufdringlichen Feedbacks. Fragile wie ätherische Klänge mit einem leicht beunruhigenden aber auch märchenhaften Effekt – erinnern nicht schon die geisterhaften Gestalten auf dem zweifach belichteten Cover-Foto an Hänsel und Gretel auf dem Weg in den dunklen Wald? Apropos Hexenhäuschen, noch ein kleiner Jahresrückblick: In Zeiten dezentraler elektronischer Musikdistribution und Blog-getriebenen Informationsaustauschs gedeihen Genres schneller als bisher. Eine eher bizarre, aber giftbunt schillernde Blüte dieser Tatsache ist die US-amerikanische „Witch House“-Szene, die seit etwa einem Jahr eine beträchtliche Zahl meist sehr junger Musiker und Musikerinnen mit einem Hang zu düsterer Elektronik und Okkultismus hervorgebracht hat. Was im Internet als semiprivates Netzwerk von MP3/CD-R-Bedroom-Labels begann, findet nun zunehmend auch den Weg in die Plattenläden. Im häufigen schlimmsten Fall ist das lieblos geschnittener Triphop mit Horrorfilm-Samples und Esoterik-Hau, im selteneren besten atmosphärisch dichte elektronische Psychedelik, wie die am melancholischsten Ende von Dubstep angesiedelte EP „See Birds“ von Balam Acab, wie die Elfen-Cosmic-Disco der selbstbetitleten EP von oOoOO (bepope: Tri Angle/Kompakt) oder wie der Shoegaze-Electro King Night von Salem (IamSound/BMG), welche nach nur zweijähriger Band-Geschichte schon so etwas wie die Großeltern des Genres sind.




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