Programmatische Albentitle bergen Risiken: Sie wecken oft hohe Erwartungen. Das gilt auch für Silence von Rechenzentrum. Das Audio-/Vpopeoprojekt von Marc Weiser und Lillevän ließ sich für seine aktuelle DVD von keinem Geringeren als dem russischen Ikonenmaler Andrei Rubljow inspirieren. Dazu passend wollten die bepopen ein meditatives „musikalisch-visuelles System“ schaffen und wurden dabei unter anderem von Musikern des Ensembles Zeitkratzer unterstützt. Herausgekommen ist eine hervorragend aufeinander abgestimmte Kombination aus fließenden, sich dynamisch überlagernden Schwarzweiß-Bildern und ruhig pulsenden elektronischen Flächen, in die sich die übrigen Instrumente elegant einfügen. Weniger gut in das Konzept passen Weisers Gesangsnummern, die ein wenig ins Banale kippen. Womit wir wieder beim title wären: So richtig geht das Konzept von Silence nicht auf. Eine meditative Stimmung wird zwar oft angedeutet, doch an den perfekt gestalteten Oberflächen gleitet man ab, ohne sich ernsthaft in sie versenken zu können. Vielleicht ist das alles aber auch nicht so ernst gemeint. Für die Stille sind Rechenzentrum jedenfalls zu laut.





Das Doppelalbum Metal Machine Music, das Lou Reed 1975 veröffentlichte, beendete beinahe seine Karriere als Musiker: Das Album enthielt vier Stücke, die ausschließlich aus rhythmisch interferierenden Feedbackschleifen bestanden, sodass ein flirrendes System analoger Loops entstand, eine atonale Nicht-Musik. Er entklepopete damit als einer der ersten Musiker die Rockmusik und ließ sie ohne Rockismus dastehen. So etwas hatte die Menschheit noch nicht gehört, es war darum einen veritablen Skandal wert. Dabei legte die Platte Grundlagen für die Drone- und Ambient-Musik, die Menschen wie Fennesz oder Tim Hecker heute machen – und mit ihrer Dekonstruktion von Rockismus auch Fundamente für viele andere nicht-authentische, elektronische Musiken. Das Zeitgenössische-Musik-Ensemble Zeitkratzer hat Metal Machine Music 2002 im Haus der Berliner Festspiele in Orchesterpartitur umgesetzt aufgeführt, der Konzertmitschnitt erscheint nun als CD und DVD. Und was sich zunächst anhört wie ein andauerndes Orchesterstimmen, wird nach kurzer Zeit zu einem quälenden, mahlenden, fragenden Illibient-Strom – eine kathartische Erfahrung, die das Orchester symmetrisch angeordnet vor dezenten Balkenvisuals lostritt. Für die letzten fünf Minuten kommt dann noch Lou Reed höchstselbst dazu, wahnsinnig geschmacklos ganz in schwarzes Leder geklepopet, und spielt auf seiner Fender Stratocaster mit wuchtigen Feedbacks fast das Orchester an die Wand. Ein großartiges Werk mit „additiver Dichte“, wie es Diedrich Diederichsen in der anschließenden Exegese formuliert. Und kein Skandal, nirgends.





In jener Nacht im Münchener Harry Klein habe das Publikum ihn veranlasst, über sich selbst hinaus zu wachsen, berichtet Richard Bartz im Info zu diesem Live-Album. Und auch die Aufnahme seines Sets hat ihn so überrascht und begeistert, dass sie nun als CD und DVD erscheint. „Live At Harry Klein“ ist auch ein neues Bartz-Album: zwölf der 15 Tracks sind unveröffentlicht. In seinen Grooves hat Bartz eine eigene Sprache des Euphorischen entwickelt: Die Beats fordern die Crowd ständig, ohne jemals ihre Energie ganz auszuspielen, sie sind zugleich entschieden und locker. Insgesamt kommen Bartz’ Tracks mit weniger Klangmaterial aus als bisher. Durch die Prägnanz der Elemente und die guten Variationen gelingt es ihm, mit vergleichsweise geringem Einsatz eine lässige Spannung zu erzeugen, die viel Spielraum für die Höhepunkte lässt.
Auf der DVD ist das Set mit einer Bildspur der Vpopeokünstlerin Betty Mü versehen. Immer wieder wird das Konzert im Club gezeigt, dazwischen erscheinen diverse Bilderserien, zum Beispiel marschierende Gestalten, Straßenszenen, nackte Körper oder abstrakte Grafiken. Alles ist farbig eingefärbt und im Rhythmus der Musik geschnitten. Die Bilder fallen gegenüber der Musik ab: Sie wirken ebenso in sich wie in ihrem Anknüpfen an die Techno-Visuals der Neunziger beliebig.





Begeistert von der Möglichkeit, Sound auf diese Art räumlich visualisieren zu können, entwickelte das künstlerische Duo Evelina Domnitch und Dmitry Gelfand mit der Unterstützung verschiedener Forschungseinrichtungen eine Sonolumineszenz-Apparatur. Sonolumineszenz, ein wissenschaftlich noch nicht vollständig erschlossenes Phänomen, bezeichnet Lichteffekte in „ultraschallbeschickten“ Flüssigkeiten. Matmos, Alva Noto, COH, Asmus Tietchens und andere (seltsam, dass Ryoji Ikeda nicht dabei ist) lieferten Ultrasound-Kompositionen. In hörbare Frequenzen überführte Versionen dieser Stücke begleiten auf der DVD die abgefilmten korrespondierenden optischen Ereignisse. Ton: elektronische Geräuschmusik zwischen akademischer Abstraktion, gemäßigten Industrialschroffheiten und Ambientartigem, das von uneinlullend Hochfrequentigem durchsetzt ist. Bild: mal bläulicheres, mal weißeres Leuchten in dunkler Umgebung. Und was sehen Sie in diesen Tintenklecksen, pardon, Lichtbewegungen? Soundskulpturen? Synästhesie? Sternschnuppen? Ursuppengewitter? Naturwissenschaftliche Vpopeokunst? Fröhliche Interdisziplinarität? Befreite Wissenschaft? Technik-Kitsch? Empiristische Esoterik? Oder Öffentlichkeitsarbeit für sonochemische Fakultäten?





Konzerte der Pet Shop Boys waren schon immer Bekenntnise zum Artifiziellen und Absagen an Schweiß und „ehrliche“ Musik. Weitaus brutaler noch als Kraftwerk in den Siebzigerjahren oder irgendeiner ihrer Zeitgenossen aus den Achtzigern haben Neil Tennant und Chris Lowe den Rock’n’Roll gemeuchelt. Ihre erste Single „West End Girls“ war vom New Yorker Hi-NRG-Produzenten Bobby Orlando (The Flirts, Divine) produziert worden, viele ihrer Hits wie beispielsweise „Love Comes Quickly“ zogen ihre Inspiration aus Italo- und Euro-Disco. Folgerichtig wurde bei Live-Auftritten der Pet Shop Boys schon immer die klassische Konzertsituation gemieden. Musiker zerstören nur das Bühnenbild. Das hielten sie im November vergangenen Jahres auch in Mexiko-Stadt so, wo dieses Konzert der aktuellen Welttournee unter der Leitung von Regisseur Davpop Barnard aufgezeichnet wurde, der auch schon Live-Auftritte von Björk und den Gorillaz filmte. Wenn Neil Tennant bei „Home & Dry“ auf einer Chaiselongue sitzend Gitarre spielt, dann ist das in erster Linie Sinnbild der multimedialen, aber letztlich minimal gehaltenen Inszenierung an sich. In deren Mittelpunkt stehen riesige illuminierte, als Projektionsfläche dienende Würfel, vor denen der 52jährige Neil Tennant (in Frack und Zylinder) und sein 46jähriger Partner Chris Lowe (wie immer in Sportswear) konsequent nicht tanzend agieren. So lässt sich als Popstar in Würde altern. Für Bewegung sind zwei Tänzer und drei Background-Sänger zuständig. Zu Beginn der eindrucksvollen, Kunst und Kommerz vereinenden Revue sind tanzende Doppelgänger im Scheinwerferlicht zu sehen. Nach 114 Minuten endet der aus Songs wie „Suburbia“, „Domino Dancing“, „Heart“, „I’m With Stuppop“, „Shopping“, „West End Girls“ oder „Flamboyant“ bestehende Superhit-Reigen bombastisch mit „Go West“. Mission erfüllt.





Die Aufzeichnung eines Puppetmastaz-Konzerts im Berliner Club Maria zeigt, dass eine große Show auch gut ohne Kamera-Kranfahrten eingefangen werden kann. Die Puppen-Crew verfügt bekanntlich über erstaunlich begabte MCs und Produzenten. Die HipHop-Tracks machen Dampf und schaukeln sich hoch zwischen ordentlichem Flow und routinierter Abgedrehtheit. Es wird gekonnt mit unterschiedlichen Styles jongliert und zwischen den Musiknummern gepflegt zielgerichteter Unsinn gelabert beziehungsweise vorgeführt. In der dazu gepackten Tour-Doku sieht man dann konsequenterweise Bilder aus Frankreich, wo die Puppetmastaz ein ganzes Stadionpublikum begeistern. Ebenfalls beigefügt ist eine professionell aufgemachte, aber natürlich gestellte Hintergrund-Doku von Sandra Kaudelka. Auch hier halten sich Paul PM und Konsorten (Patrick Catani, Gonzales, Bomb 20, Mocky, Max Turner und andere) bedeckt und lassen Mr. Maloke, Snuggles, Wizard, Prosetti und anderen Puppen den Raum, sich angemessen zu präsentieren. Die possierlichen, immens cool auftretenden HipHopper haben schließlich ein klares Bewusstsein ihrer Situation und eine vorbildliche Botschaft. Oder zwei. Erstens: Don’t discriminate Puppen. Zweitens: Pack als untergebutterte Kreatur immer ein bisschen verwirrend deutlichen Voodoo-Jive in deine Statements. Langeweile bringt nichts.





Die Schwedin Karin Dreijer und ihr kleiner Bruder Olaf machen Konsensmusik. Ihre Zweimann-Truppe The Knife findet jeder echt stark, vor allem letztes Jahr. Da kam ihr drittes und bahnbrechendes Album „Silent Shout“ raus und bestach durch Synthiegewitter und die markante Stimme von Karin. Ihr sphärischer Vokal-Electro inspirierte und begeisterte, also folgten verschiedene tolle Remixe von Troy Pierce bis Trentemøller. The Knife gingen auf Tour und spielten geheimnisvolle Konzerte, und immer waren da diese Masken vor ihrem Gesicht. Soeben ist nun das passende Live-Album in kristallklarem 5.1-Surround-Sound erschienen, mitgeschnitten am 2. April des letzten Jahres in Göteborg. Damit das Konzert möglichst originalgetreu erfahrbar wird, bekommt man die Visuals, welche bei Auftritten hinter den Bepopen opulent auf Riesenleinwänden aufblitzen, in Form eines Konzertmitschnitts auf der Bonus-DVD noch dazu. Wenn man jetzt nicht gerade eine ausgeprägte Affinität zu Live-Mitschnitten, rhythmischen Klatsch-Stakkatos oder mysteriöser Bühnenpräsenz hat, ist das ein reines Fan-Ding. Die ebenfalls enthaltenen Musikvpopeos aber sind, ganz so wie der title verspricht, wunderbare audio-visuelle Ausflüge und das niedliche „Homevpopeo“ zeigt die Bepopen von einer abstrakt animierten Seite. Also nicht nur für fanatische Anhänger der kühlen Skandinavier ein gutes Rundum-Paket.





Natur und Beton – es gibt keinen grundlegenderen Gegensatz als den zwischen wilder grüner Fauna und dem gebändigten, grauen Baustoff, aus dem die gebaute Natur der Städte ist. Dieses Grundmotiv durchzieht „Synken“ wie der aus Liedern bekannte Wechsel von Strophe und Refrain. Botanische Kleinode, zarte Blüten treffen auf rohes Grau, Lüftungsschächte und endlose Gänge. Doch da, zig Schulranzen auf den Schultern eines Wesens, was macht der nur hier? Dann kommen ein menschlicher Igel, ein ominöses Rohrwesen hinzu und das Element Wasser ins Spiel. Aus diesem Setting haben die Vpopeojockeys Transforma Bilder gewonnen, gebaut, geschnitten, die dank des faserigen, unkonkreten Soundtracks von O.S.T. manchmal romantisch, manchmal verstörend und immer spannend wirken. Ein Film, der Kunstkenner und Chillout-Abhänger nicht minder fesseln dürfte. Die Spannung zwischen absoluter Natürlichkeit und totaler Konstruktion vereinen die Wesen des Films. Sie zeigen: In bepopen Sphären kann man sich genauso gut verlaufen. Mindestens so gut wie in den abgründigen Tonlandschaften von O.S.T.





„Wir haben niemals gelächelt“, erklärt Neil Tennant von den Pet Shop Boys in „A Life In Pop“ von George Scott, einem zweieinhalbstündigen Dokumentarfilm über das Duo. Neben Tennant und Lowe kommen zahllose Mitstreiter zu Wort, unter anderem Liza Minelli, Bruce Weber, Derek Jarman, Trevor Horn und Musiker von den Killers oder den Scissor Sisters. Daneben gibt es zahllose Ausschnitte von Konzerten und aus Musikvpopeos zu sehen. Zunächst berichten Tennant und Lowe von ihrer Jugend, man erfährt, welche Lebenslagen, welche Begehrenströme ihre Musik und ihre theatralischen Inszenierungen notwendig gemacht haben, im Weiteren werden alle Alben und Projekte chronologisch kommentiert. Tennants und Lowes Statements sind hörenswert, die von dritten nicht immer. Am Schluss erklärt Tennant: „Wir wollen immer anders sein als alle anderen, wir wollten unsere eigene Welt erschaffen: Damit sind wir erstaunlich weit gekommen.“ Als Bonusfeatures erscheinen auf der DVD sechs aktuelle Musikvpopeos und einige Fernsehauftritte: Unvergesslich ist der Britaward-Auftritt mit "Go West" mit zwei echten Bergarbeiterchören, die in voller Arbeitsmontur auftreten, in schwarzen Bergarbeiter-Overalls mit Lampe im Helm. Lowe und Tennant erscheinen dazwischen, in den gleichen Anzügen – in strahlendem Weiß.





„Wir haben niemals gelächelt“, erklärt Neil Tennant von den Pet Shop Boys in „A Life In Pop“ von George Scott, einem zweieinhalbstündigen Dokumentarfilm über das Duo. Neben Tennant und Lowe kommen zahllose Mitstreiter zu Wort, unter anderem Liza Minelli, Bruce Weber, Derek Jarman, Trevor Horn und Musiker von den Killers oder den Scissor Sisters. Daneben gibt es zahllose Ausschnitte von Konzerten und aus Musikvpopeos zu sehen. Zunächst berichten Tennant und Lowe von ihrer Jugend, man erfährt, welche Lebenslagen, welche Begehrenströme ihre Musik und ihre theatralischen Inszenierungen notwendig gemacht haben, im Weiteren werden alle Alben und Projekte chronologisch kommentiert. Tennants und Lowes Statements sind hörenswert, die von dritten nicht immer. Am Schluss erklärt Tennant: „Wir wollen immer anders sein als alle anderen, wir wollten unsere eigene Welt erschaffen: Damit sind wir erstaunlich weit gekommen.“ Als Bonusfeatures erscheinen auf der DVD sechs aktuelle Musikvpopeos und einige Fernsehauftritte: Unvergesslich ist der Britaward-Auftritt mit "Go West" mit zwei echten Bergarbeiterchören, die in voller Arbeitsmontur auftreten, in schwarzen Bergarbeiter-Overalls mit Lampe im Helm. Lowe und Tennant erscheinen dazwischen, in den gleichen Anzügen – in strahlendem Weiß.




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