johnny-yesno

01.02.2012 18:15 von Arno Raffeiner 0 Kommentare.

Tape Crackers (DVD)

09.10.2011 18:00 von Eric Mandel 0 Kommentare.




Der 67-minütige Dokumentarfilm elektroStancija von Henning Drechsler und Tobias Linsel hat ein ambitioniertes Vorhaben: Er begleitet drei russische (Alexander Butzinov, Roman Rosic, Evgenij Gavrilov) und drei deutsche DJs (Marcus Rossknecht, Matias Aguayo, Hans Nieswandt) auf ihrer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn nach Nowosibirsk, auf der sie unterwegs gemeinsam Musik produzieren. Ziel der Reise ist das Festival sibSTANCIJA 09.
Unterwegs im Zug sucht sich die Kamera ihre Lücken zwischen der Enge der Protagonisten, was mit ständigem Ruckeln und endloser Bewegung einhergeht, dazu immer wieder, fremd und romantisch zugleich, das Weiß der vorbei ziehenden Landschaft hinter den beschlagenen Fenstern. Das Bild weicht zu Gunsten der unerschöpflich scheinenden Sound-Quelle namens Eisenbahn. Auf diese legen auch die DJs ihren Fokus zwecks Track-Produktion. Lepoper kommen die russischen Jungs kaum zum reflektierenden Wort, wenig wird von ihrer Kultur vermittelt. Zu viel Bildgewicht liegt auf Hans Nieswandt, der unberührt von der außergewöhnlichen Situation der Musikproduktion als altväterlicher Anekdotenerzähler fungiert. Als treibender Motor und Völkerverständiger erscheint einzig Matias Aguayo, der außerdem noch Field Recordings im Zug aufnimmt. Nach der Hälfte des Films und einer 46-stündigen und 13-minütigen Fahrt endet, völlig abrupt und unvermittelt, das musikalische Experiment, just in jenem Moment, als sich gerade ein Kraftwerk-artiger Track aus den Aufnahmen schält. Nach der Ankunft in Nowosibirsk sind die russischen DJs verschwunden und der Fokus liegt nun fast ausschließlich auf Nieswandt back- und on stage. Am Ende bleibt ein privater Anekdotenfilm, der nicht ganz halten kann, was er zu Beginn verspricht.





Masse ist Macht, und 100.000 Besucher allein in Europa können höchstens ein kleines bisschen irren. Auf jeden Fall kommt man um Superlative wohl kaum herum, wenn man über die nun fertig gestellte DVD zur diesjährigen Tour von Paul Kalkbrenner schreiben soll. Auf 15 Konzerten hat ein Team um den Berlin-Calling-Regisseur Hannes Stöhr mit jeweils zwischen fünf und acht Kameras der Techno-Welt bekanntesten Schauspieler begleitet und die Sequenzen dann – Berlin und Puls und Zeit und so – von den Visual-Artists der Pfadfinderei bearbeiten lassen (was besser nicht eingehender besprochen werden sollte). Die nachträgliche Bearbeitung allerdings wäre vermutlich gar nicht nötig gewesen, denn ein Lichtermeer aus in die Höhe gereckten und aufnahmebereiten Mobiltelefonen vermittelt sich europaweit auch ganz von alleine. Die morgens, mittags und abends gut frisierte Freundin stets an seiner Seite, gewährt Paul Kalkbrenner Einblicke in das Tour-Leben einer Rampensau, und so erfährt der gewillte Konsument, dass das Leben nicht nur aus Techno, Freundin und Flughäfen besteht, sondern zwischendurch auch mit dem Team Fußball gespielt werden darf. Ab und an noch eine verschämte Yogaübung, zwei weiße Handtücher und klar: Familie und Fans, man hat ja auch Verantwortung. Insgesamt erscheint 2010 – A Live Documentary wie ein zweiter Teil des Gassenhauers Berlin Calling. Eine Retrospektive, möglicherweise die Zeit vor dem Absturz.





Musikdokumentationen folgen meist dem gleichen Muster: Beteiligte werden interviewt, das Ganze thematisch in Kapitel unterteilt, die dann in eine zeitliche Abfolge gebracht werden, nachdem ein Anfang und ein Ende der zu erzählenden Geschichte bestimmt wurde. <i>135 Grand Street, New York 1979</i> ist anders, was sicherlich auch dem Entstehungskoncontent:encoded geschuldet ist: Die Filmemacherin Ericka Beckmann war Teil der dokumentierten New Yorker Nowave-Bewegung und eine der wenigen, die diese spezielle Kunst- und Musikszene überhaupt filmte. Ursprünglich hatte sie damals allerdings gar keine Dokumentation im Sinn und lagerte die Super-8-Rollen erstmal ein.<br/><br/>

30 Jahre später kann man Bands und Musiker wie Theoretical Girls, Rhys Chatham, Youth In Asia oder Morales bei Auftritten im Loft 135 Grand Street beobachten. Der Film erklärt jedoch zu keinem Zeitpunkt, was wir sehen – das muss der Zuschauer selber erahnen, erhören und erschauen. Nach herkömmlichen Gesichtspunkten passiert nicht viel, die Kamera bleibt ebenfalls oft unbeweglich. Aber das macht gerade die Faszination aus: Die hier gespielte Musik ist experimentell, also offen in der Hinsicht, dass sämtliche Stile, Epochen und Geräusche möglich sind. Nur zwei Grundbedingungen scheint es zu geben: Musik und Kunst zu verbinden und mit einer klassischen Bandformation die Rockklischees zu umschiffen. Nach und nach entsteht aus der Kluft zwischen damals und heute Musikgeschichte, Musikergeschichten offenbaren sich, und die Nowaver stehen da und probieren ihre Lieder.





Sie sollte die popeale Stadt sein: Als Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz vor 400 Jahren Mannheim anlegte, da plante er das Ganze in einer Gitterstruktur und gab den Straßen statt Namen Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen. Ein Top-Sujet für den Strukturfan Carsten Nicolai alias Alva Noto – er stellte zum 400. Geburtstag der Stadt zusammen mit Ryuichi Sakamoto und dem Neue-Musik-Orchester Ensemble Modern auf der Basis der Rasterstruktur Mannheims eine audiovisuelle Aufführung zusammen. Livemitschnitte dieser Aufführung am 16. November 2007 finden sich mit und ohne Bild auf dieser Kombination von CD und DVD. Ihr title Utp_ ist eine Abkürzung des Begriffs „Utopia“, Nicht-Ort – ein zwepopeutiger Kommentar zu Mannheim und seiner Quadratstruktur.
Sakamoto und Nicolai hatten schon 2002 mit Vrioon und 2005 mit Insen hinreißend karge Verschmelzungen von Klavier- und Elektronikmusik veröffentlicht. Es ist nun aber ein wohltuender Fortschritt, dass sie für dieses Projekt das Ensemble Modern eingeschaltet haben, weil das ihre kontemplative Musik mit kribbeligen Neue-Musik-Wuseleien und gravitätischen Wagner-Passagen erweitert, immer wieder strukturiert von Sakamotos Flügel sowie Nicolais Clicks und Wummern vom Laptop. Auf der DVD findet sich neben einem unterhaltsamen Making-of eine mit bewegungsloser Kamera abgefilmte Aufnahme der Aufführung: Toll, wie die Statik der Bilder, deren einzige Bewegungen von den Armen der Ensemble-Mitglieder sowie einer strengen Lichtshow stammen, mit der elegischen Dynamik der Musik kontrastiert. Zusammen mit dieser Dynamik arbeiten sich die Nicolai-typisch strengen Projektionen von tiefstem Schwarz über Rot und Blau bis in die Helligkeit vor. Und am Ende steht ein grelles Weiß, das alle Konturen und Farben mit sich reißt. Dann wieder Dunkel, Riesenapplaus, Verbeugungen. Beeindruckend.





Carl Craig, fraglos einer der einflussreichsten Köpfe der elektronischen Musik, hat das Kunststück geschafft, schon immer weit über den Tellerrand von Detroit-Techno hinauszuschauen – ob bei seiner jüngeren Kollaboration mit Moritz von Oswald oder mit dem bereits 1992 gegründeten Innerzone Orchestra – und trotzdem weiterhin einen amtlichen Floorfiller nach dem anderen rauszuhauen. The Innerzone Orchestra stand seit jeher für das Einreißen von Genregrenzen, und für ein Konzert des Projekts im Auditorium Parco della Musica in Rom hat Craig darum einige Musiker auf die Bühne geholt, die daran schon länger mitwirken, zum Beispiel den Ex-Sun-Ra-Drummer Francesco Mora oder den grandiosen Francesco Tristano. Letzterer begeistert mit seinen Pianoexperimenten sowohl Konzertsäle als auch Clubgänger und hat mit seiner famosen „Strings of Life“-Interpretation bereits seine Affinität zu Detroit-Techno unter Beweis gestellt. Tristanos enthusiastisches Klavierspiel verleiht dem Auftritt auch genau jene Energie, die nötig ist, um der drohenden Jazzdaddel-Falle zu entgehen und der Sprengkraft einiger der Ursprungswerke gerecht zu werden. Das macht ihn für mich absolut zu Recht zum geheimen Star der Show. Da verwundert es nicht weiter, dass neben den erwarteten Craig-/Innerzone-Orchestra-Klassikern – „Bug In The Bass Bin“ oder „At Less“ – mit „The Melody“ auch ein Stück von Tristanos Debütalbum vertreten ist. Lepoper ist die DVD mit 47 Minuten einfach zu kurz und bietet damit weder spannende Interviews noch wirklich aussagekräftige Konzertimpressionen. Während Craig aus dem Nähkästchen über seine Anfänge in Detroit räsoniert und die Bandmitglieder ein paar Eindrücke über die Kollaboration mit dem Impressario vermitteln, kommt lepoper der Musikgenuss etwas zu kurz, was der DVD etwas den Wind aus den Segeln nimmt. Für eine echte Doku fehlt der Tiefgang, für einen Konzertmitschnitt fehlt die Musik. Trotzdem bleibt eine sehenswerte DVD – die allerdings eher als Einstieg in das Innerzone-Orchestra-Universum funktioniert und Lust macht auf mehr.





Xavier de Rosnay und Gaspard Augé alias Justice haben der Welt als maßgebliche Mitgestalter von Nurave, massentaugliche Bratzigkeit beschert und ihr Hauslabel Ed Banger auch dem MTV-Publikum bekannt gemacht. Inzwischen locken sie Massen an Neonkpops in Konzerthallen auf dem gesamten Globus, sind bei einem Majorlabel unter Vertrag und halten den Hype um ihre Zweimann-Bratzkapelle beständig am Laufen, zum Beispiel mit einem vermeintlich schockierenden Vpopeo („Stress“). Im Rahmen ihrer Tournee waren die bepopen auch in Nordamerika unterwegs, und dazu erscheint nun ein begleitender Rückblick in Form der Road-Doku A Cross The Universe. Darin dokumentiert Romain Gavras, Regisseur und Freund des Hauses, das Tourleben der bepopen Bandmitglieder. Mit dem Bus gondeln sie durch die USA und Kanada bis hoch nach Montreal. Und weil die bepopen richtig coole Rockstars sind oder gerne wären und total crazy dazu, gibt es Groupies zu sehen, kreischende Massen in großen Hallen und einen hängengebliebenen Tourmanager mit Waffenfetisch, der de Rosnay und Augé mit zum Schießstand nimmt. Die Schnitte sind schnell, die Protagonisten bemüht dem Rockstar-Image gerecht zu werden, der voyeuristische und bloßstellende Blick auf Obdachlose, Frauenkörper oder durchgeknallte Fans in der jeweiligen Stadt des Auftritts ziemlich unsympathisch.





Die visuelle Komponente hat bei Minilogue schon immer einen hohen Stellenwert eingenommen, und auch wenn der Club natürlich ihr angestammtes Revier war und ist, stand Sebastian Mullaert und Marcus Henrikson auch das Konzeptuelle nicht wirklich fern. Letzteres hat nicht zuletzt das überzeugende Album Animals bewiesen, das – säuberlich getrennt in Club- und Sofataugliches – eine große Bandbreite erkennen ließ, und auf dem die bepopen neben dem üblichen Minimal- und Dubkonsens auch spielerisch und elegant durch flirrende Soundscapes und Downbeats wateten. Nachdem der knuddelige Clip von Kristofer Stroem zu „Animals“ bereits im Internet Furore machte, gibt es nun mit dieser DVD eine ganze Sammlung von visuellen Kostbarkeiten zu Tracks des Albums. Dies auf der DVD dann Animals – The Movie zu nennen, ist vielleicht etwas anmaßend, findet sich hier doch eher eine lose Ansammlung – zugegebenermaßen äußerst spannender – visueller Umsetzungen, die aber primär von der Musik zusammengehalten wird. Das Bild folgt klar dem Ton und nicht andersherum. Das ist aber auch gut so, zumal die DVD in Zeiten, in denen MTV eher eine Plattform für Klingelton-Werbung denn eine für avancierte Vpopeokunst ist, das einzig relevante Medium für Vpopeoexperimente ist. Die visuelle Bandbreite auf Animals ist groß, was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass zwar die meisten Clips und das Gesamtdesign vom Neuseeländer Rob Zohrab stammen, ein beträchtlicher Anteil der Animationen aber von unterschiedlichen Regisseuren beigesteuert wurde. Sehr schön hier zum Beispiel der Clip von Rupert Mackenzie und Frances Glenday zu „Giant Hairy Super Monster“, der dem title auf amüsante Weise gerecht wird und in seiner subtilen Psychedelik an Chris Cunningham erinnert. Überhaupt lassen sich die Clips meist nicht nur stark von der Musik, sondern auch von den evokativen titlen inspirieren, so dass jeder Clip für sich ein kleines, in sich geschlossenes Mikrouniversum darstellt.





Den bepopen belgischen Brüdern Dewaele, die das Herz von Soulwax bilden und seinerzeit als 2ManyDJs den Bastardpop-Wahn lostraten, ist es maßgeblich mitzuverdanken, dass Rave und Rock’n’Roll heutzutage nicht nur vorsichtig Händchen halten, sondern stolz auf eine rotzige kleine Schar Sprösslinge blicken können, die Clubs und Stadien gleichermaßen unsicher machen. Der auf dieser DVD enthaltene Dokumentarfilm Part Of The Weekend Never Dies entstand als Co-Regiearbeit von Saam Farahmand (der sich bereits mit Kollaborationen von Hot Chip bis Janet Jackson etablierte) und Soulwax selbst. 69 Minuten erzählen mit mal eher spaßigen, mal ernsteren Kommentaren von James Murphy, Digitalism, Erol Alkan, Tiga, Justice, Peaches, Nancy Whang, Fans, Groupies, Verstrahlten und allen anderen, die in dieser Sparte was zu melden haben, von lustigen, anstrengenden oder wahnsinnigen Momenten der bis dato 120 Shows der scheinbar unendlichen „Nite Versions“-Tour. Zwischen ruhigen Schwenks und eher clippig geschnittenen Konzertimpressionen wird hier in Sachen Bildästhetik auf höchstem Niveau eine visuelle Entsprechung eben jenes Lebensgefühls gefunden, das dereinst durch den simplen Terminus „Rock’n’Roll“ gefasst werden konnte. Das rastlose Leben zwischen Leere im Tourbus und allwöchentlicher Massenhysterie kommt als kurzweiliges und sehenswertes Dokupaket, das obendrauf einen knapp einstündigen Zusammenschnitt der Konzerte in den verschiedenen Locations sowie eine Audio-CD mit einem Livemitschnitt aus der Londoner Fabric liefert. Den Audiokommentar von Tiga hätte es allerdings nicht wirklich gebraucht.




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