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RÜCKSCHAU Øya – das perfekte Festival

Fotos: Jonas Gempp

Endlich! Ich habe es gefunden! Das perfekte Festival! Anfang August fand an fünf Tagen das Øya in Mitten von Ruinenresten und nicht weit vom Fjord entfernt in Oslo statt. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, ist es in diesen Tagen nicht zu einem negativen Zwischenfall gekommen. Øya 2013Kein Künstler betrat mit Verspätung die Bühne (selbst der komplett anwesende Wu-Tang Clan und Lieblings-Alki Danny Brown begannen überpünktlich), die Wartezeit an einem Bier- oder Essenstand dauerte Dank perfekter Organisation und trotz bis zu 15.000 Besuchern pro Tag nie länger als fünf Minuten und bei Regen wurden nicht nur kostenlos Plastikponchos verteilt, sondern auch noch der komplette Rasen mit Matten abgedeckt, so dass die Schuhe garantiert nicht dreckig werden, aber dennoch so eine Art Festival-Schlammlauf-Feeling bestand. An die 2.000 freiwillige Helfer sammelten im Akkord Müll auf, trennten selbstverständlich noch vor Ort oder reinigten Klos, die auch am Abend des letzten Festivaltages noch aussahen als seien sie gerade bei der abschließenden Qualitätkontrolle in der Dixiefabrik durchgewunken worden.

Nett, unanstrengend und nüchtern

Womit wir bei der Disziplin der Besucher wären. Auch die ist mit einer glatten Eins zu bewerten. Ohne jetzt Rauschmittel verteufeln zu wollen: Wo auf einem ähnlich großen deutschen Festival Bierbongs auf dem Zeltplatz kreisen, zugepillte Druffis die gesichtseigene Disko auf Trab halten und zugeschnubbte Wichtigtuer im VIP-Bereich rumgockeln, sind auf dem Øya alle nett, unanstrengend und nüchtern. Drogen werden von sanftem Alkkonsum mal abgesehen, einfach nicht konsumiert. Erst am dritten Festivaltag erreicht eine unzigarettige Rauchwolke meine Nase, der Puls schlug schneller. Gras?!? Doch Fehlalarm: Eine Kräuterzigarette aus der Apotheke war der Übeltäter. Betrunkene Ausfälligkeit konnte auf Grund von nicht vorhandener Betrunkenheit ebenfalls nicht festgestellt werden. Was aber auch an den Getränkepreisen von 10 Euro pro Bier gelegen haben könnte. Denn da hilft ein übertrieben hohes Bruttoinlandsprodukt auch nix; bei solchen Preisen ist das gepflegte Festivalbesäufnis Privileg einer auch im reichen Norwegen überschaubaren Elite.

Øya 2013

Die Anlagen waren natürlich auf den Punkt bzw. perfekt auf den jeweiligen Act eingestellt. Beim progressiven Drone-Gewitter von Godspeed You! Black Emperor brachten die Subbässe den Magen an den Rand der Wallungsgrenze, im Clubzelt Klubben konnte man sich derweil von der überproduzierten wie omnipräsenten Bratzigkeit von Acts wie Danny Brown oder Angel Haze erholen. Dort funktionierte der Mix aus einheimischen Künstlern und internationalen Acts am besten. Der großartige André Bratten, der gerade auf Full Pupp mit seinem Album Be A Man You Ant debütierte, wusste besonders zu gefallen, aber auch der Spanier John Talabot schaffte es die reservierten Nordländer zumindest kurzzeitig zu so etwas wie getanzten Emotionsäußerungen zu animieren. Beim abschließenden elektronischen Highlight am Samstag in Form von The Knife, entfalteten sich die Stimme Karin Dreijer Anderssons zu den im zweiten Teil (der erste Teil des Konzerts musste sich im Wissen um die Playlist mit dem unverständlichen neuen Kram, dem umjubelten Slayer-Auftritt geschlagen geben) gespielten mittelalten Hits von Deep Cuts perfekt, nur die Tänzer lenkten manchmal ein wenig zu sehr ab. Ähnlich war es bei der 3D-Show von Kraftwerk. Nachdem wirklich jeder Besucher durch die umsichtigen Helfer mit einer Brille versorgt wurde, wartete man eher auf das nächste dreidimensional wirkende Filmchen, anstatt sich auf die vier Herren beim Solitärspielen und Dastehen zu konzentrieren.

Øya 2013: The Knife

Tatsächlich gab es aber keine wirklichen musikalischen Ausfälle. Selbst der sonst so gescholtene Kendrick Lamar spielte ein solides Konzert mit guter Bühnenpräsenz. Höchstens Haim waren so ein bisschen belanglos bis nervig; alles eine Ecke zu gewollt alternativ, die coolen Bewegungen ein bisschen zu einstudiert, der Look ein wenig zu clean – der Soundtrack zum modebloginduzierten Plastikgrungeoutfit gewissermaßen. Nachts fand in den Clubs der Hauptstadt ein ähnlich hochkarätiges Programm wie am Tage statt. So spielten u.a. Frankie Knuckles und Ryan Crosson, aber auch der norwegische Heroe Todd Terje versuchte seine Landsleute zum Tanzen zu bewegen. Allerdings war die höfliche Zurückgenommenheit und die Abwesenheit berauschender Substanzen als Alternative zum Alkohol im Clubkontext dann doch nicht so förderlich für die Partystimmung.


17.08.2013 Text: Jonas Gempp