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MOTHERBOARD November/Dezember 2012

2009 erschien mit Im Erwachten Garten ein Hör- bzw. Musikbuch, das begeisterte Reaktionen hervorrief. Jetzt geht das bewegende Teamwork von Dietmar Dath und Kammerflimmer Kollektief als The Schwarzenbach weiter. Mit Farnschiffe (Zickzack) bewegen sie sich in Richtung Songformat, finden aber schnell wieder diese einmalige Balance zwischen Sprache und Musik, Worten und Noten. In Druckform gemahnen manche Dath-Zeilen an Brecht — „Sei dem Werkstück stets treu. Was du falsch machst, bereu“ — andere kommen wie eine SMS auf den Punkt: „Bettina weint. Die Jury hat gesprochen. Sie ist kein Star, weil sie nie einer war.“ Gesprochen und gesungen klingen die Sätze teilnahmsvoll. Auch bei Fanta Dorado & Der Innere Kreis (Italic) steht das Erzählen in einer spannenden Wechselwirkung mit der Musik. Nikolai Szymanski, der sie macht, spielt im Düsseldorfer Trio Stabil Elite, ist klanglich mit New Wave, Industrial und Kreidler verwandt und fragt irgendwann nach dem Stromzähler: Der muss sich wieder einfinden, denn „wir wollen alles beschreiben und beschriften“. Nicht nur der Geist von E.T.A. Hoffmann, auch John Maus’ Schatten erscheint hier und da. Und den Stromzähler hat bestimmt DJ Stingray abgeschraubt: „Psyops For Dummies“ (Presto?!) enthält vier neue Tracks des Drexciya-Tour-DJs und erscheint exklusiv auf USB-Stick. Besonders markant ist Track 2, „Full Body Scan”, der das gewählte Thema in kalt summenden, absolut mechanischen Klang übersetzt. „The Strategy Of Tension” wiederum bringt Kraftwerk-Motorik mit fragilen Detroit-Flächen zusammen: Hier weht zeitloser Sound umher.

Ganz merkwürdige Zukunftsmusik entsteht im Studio von o F F Love, der sich auf der Bühne stets mit einem Yin-Yang-Bandana vermummt: My Love For You … Probably Love (M=Maximal/Kompakt) pendelt zwischen profanem Autotune-Demo, sakralem Post-Dubstep-Chanson und R&B-Schmalz. Die Songs bröckeln in Zeitlupe, senden Peilgeräusche und eröffnen eine hochromantische Welt, in der man zuerst gar nicht merkt, dass die halbe Platte aus Remixen besteht: oOoOO, craxxxsoft, Press Label, BOYof18+, Iced Out und Sail A Whale stellen sich hinter die Idee. Die Geschichte erinnert sehr an Wall-E — nur fehlt das Happy End.

Was können Tracks mit zig Plug-in-Layern gegen die Vibrationen einer (digitalen) Jazzplatte ausrichten? Wunderblocks Dreemov Jazz (Form Resonance) ist eine, die wirklich Spaß macht: Vom Besenschaben auf dem Snare-Fell über schummrige Orgeln bis zu irren Grooves à la Atom™ ist vieles da, was mit der Zunge schnalzen lässt. Wenn man dann noch erfährt, dass Wunderblock aus Moskau sind und auf Techno schwören, freut man sich gleich doppelt. „Greatness”, dem eingängigsten Song auf Sonnymoons selbst betiteltem, zweitem Album (Plug Research), gelingt Ähnliches: Hier klingt die Bostoner Band wie ein gutgelaunter Mix aus Laika und The Roches.

Sehr vielseitig präsentiert sich der junge australische Produzent Flume (Future Classic): Mit rasselndem R&B („Left Alone feat. Chet Faker”), hitverdächtiger Chillwave-Disco („Sleepless feat. Jezzabell Doran”) und amtlichem B-Boying („On Top feat. T.Shirt”) werden viele Pop-Kanäle stilsicher abgedeckt. Doch wie viel Autotuning können unsere Sinne vertragen? Auch Bee Mask manipuliert die menschliche Stimme, macht sie aber zu einer erholsamen Insel im Vintage-Synthesizer-Park. Dieser blubbert und kaskadiert auf „Vaporware / Scanops“ (Room 40) wieder sehr unberechenbar: Trippige Landschaften wie auf „Canzoni dal Laboratorio del Silenzio Cosmico”, diesmal jedoch mit deutlichen Spuren von Minimal Music. Ein ähnlich ergiebiges Hörerlebnis ist International Airlines (Lunar Disko) von Samuel van Dijk alias VC-118A: Zurückhaltender Electro mit wolkigen Hallräumen, in dem sich Nostalgie und Futurismus angenehm die Waage halten. Irdischer geht es auf Tyler Friedmans EP „Revolve“ (Kontra-Musik) zu, vor allem auf der A-Seite: Hier wird das rhythmische Klackern von Minimal verdichtet und mit Subbass und modulierten Warntönen auf Asphalt gelegt. Der Jonsson/Alter-Mix nimmt den Beat etwas zurück und erweitert das Original um dubbige Weiten und mysteriöse Funksprüche.

 


Stream: Rdio-PlaylistMotherboard (November/Dezember 2012)


25.11.2012 Text: Hendrik Kröz